Was bedeuten »Sekretverhalt« und »Sekretmanagement«?
Die ALS führt durch eine Schwäche (Parese) oder Steifigkeit (Spastik) der Atemmuskulatur zu einer reduzierten Atemleistung (Hypoventilation). Eine bekannte Folge der Hypoventilation ist die verminderte Belüftung des Lungengewebes und die Einschränkung im Gasaustausch (Abgabe von Kohlendioxid und Aufnahme von Sauerstoff).
Eine weitere Folge der Atemschwäche ist weniger bekannt, aber ebenso relevant: Die Anreicherung von Bronchialsekret. Im gesunden Bronchialsystem wird stets ein feines Sekret gebildet, das der Anfeuchtung der Atemluft und dem Abtransport von eingeatmetem Staub dient. Das gebildete Bronchialsekret wird aus den feinen Verästelungen der Bronchien in Richtung der Hauptbronchien und von dort zur Luftröhre und dem Kehlkopf transportiert. Wenn das Bronchialsekret dort eintrifft, wird es unbemerkt am Kehlkopf in die Speiseröhre »umgelenkt« und verschluckt.
Dieser Transportprozess des Bronchialsekretes setzt eine ausreichende Belüftung der Lunge und bestimmte Druckverhältnisse voraus (Exspirationsdruck). Bei der ALS ist nicht nur das Einatmen, sondern auch die Ausatmung und damit der Aufbau eines notwendigen Exspirationsdruckes reduziert. Die Konsequenz der eingeschränkten Ausatmung besteht in einem verringerten Transport des Bronchialsekrets und seiner Anreicherung im Bronchialsystem, die als »Sekretverhalt« bezeichnet wird.
Mit der Anreicherung des Sekrets werden die Atemwege verengt und die (ohnehin bereits geschwächte) Atmung erschwert. Bei einer vollständigen Verlegung von einer Bronchie wird der Luftstrom in das Bronchialsegment unterbrochen und der dahinterliegende Bereich des Lungengewebes vom Gasaustausch ausgeschlossen (Atelektase). Neben der erhöhten Atemanstrengung und Verringerung des Gasaustausches ist der Sekretverhalt mit einem erhöhten Infektionsrisiko verbunden. Das Sekret dient als »Nährboden« für bakterielle und virale Erreger. Der Sekretverhalt ist damit mit dem Risiko einer Bronchitis (Entzündung der Bronchien) oder einer Pneumonie (Lungenentzündung) verbunden.
Aufgrund seiner verschiedenen ungünstigen Auswirkungen ist eine effektive Entfernung des Bronchialsekrets eines der wichtigsten Behandlungsziele bei der ALS. Die Gesamtheit der Maßnahmen, die der Vermeidung und Entfernung von überschüssigem Bronchialsekret dient, wird als »Sekretmanagement« bezeichnet.
Die wichtigste Methode zur Entfernung von Bronchialsekret ist der »Hustenassistent« (Mechanischer Insufflator-Exsufflator, MIE). Durch die mehrfach tägliche Anwendung des Hustenassistenten wird ein »künstliches Husten« produziert, das der Entfernung von Bronchialsekret dient und den ungünstigen Folgen des Sekretverhalts (Atemanstrengung, Minderbelüftung, Infektionsrisiko) entgegenwirkt.
Neben dem Hustenassistenten ist die Maskenbeatmung eine weitere Behandlung, die dem Sekretverhalt entgegenwirkt. Mit der Beatmungstherapie wird die Belüftung der Lungen und der Abtransport des bronchialen Sekretes unterstützt. Die Maskenbeatmung befördert in erster Linie die Einatmung (Inspiration), während der Hustenassistent beide Komponenten der Atmung, die Einatmung (Inspiration) und Ausatmung (Exspiration) betrifft.
Die Einschränkung des Hustenassistenten liegt jedoch darin, dass die Anwendung auf wenige Ein- und Ausatemvorgänge beschränkt ist, während die Maskenbeatmung über mehrere Stunden angewendet werden kann. Daher ist die Kombination von beiden Behandlungsmethoden, einer Maskenbeatmung mit täglicher Anwendung des Hustenassistenten das wirksamste »Sekretmanagement«.
