Wie ist die unterschiedliche Häufigkeit der invasiven Beatmung innerhalb von Deutschland und Europa zu erklären?
Zur unterschiedlichen Anwendung der invasiven Beatmung bestehen Berichte aus einzelnen ALS-Zentren, aber noch keine systematischen Erhebungen. Eine der Hauptlimitationen zur Erfassung der regionalen Tracheotomie besteht in dem Fehlen eines nationalen ALS-Registers. Die vorliegenden Berichte aus den ALS-Zentren zeigen erhebliche Unterschiede in der Häufigkeit der Tracheotomie, die zwischen unter 5 % bis zu 15 % liegen.
Die Ursachen für die erheblichen Unterschiede sind bisher nicht systematisch erhoben worden. Insgesamt sind mehrere komplexe Faktoren anzunehmen, die eine Beatmungsentscheidung beeinflussen. Das Vorhandensein oder Fehlen einer Infrastruktur der Beatmungsversorgung (Intensivpflegeteams oder Beatmungswohngemeinschaften) kann zu regionalen und lokalen Unterschieden in der Beatmungstherapie führen.
Weitere Unterschiede sind im Versorgungsgrad mit Hilfsmitteln zu suchen. Eine komplexe Versorgung mit Hilfsmitteln der Kommunikation (die eine Internetnutzung trotz hochgradiger Lähmungen ermöglicht) sowie Transfer- und Mobilitätshilfen (Elektrorollstuhlversorgung mit integrierter Nutzung von Kommunikationssystemen) sind für die soziale Teilhabe und die Lebensqualität bei Beatmungstherapie von hoher Relevanz. Ohne das Vorhandensein dieser komplexen Hilfsmittelausstattung ist ein Lebensentwurf mit einer Langzeitbeatmung schwieriger realisierbar.
Weitere regionale Unterschiede sind bei den Möglichkeiten der Palliativversorgung zu vermuten. In bestimmten Regionen Deutschlands liegen umfangreiche Erfahrungen in der Therapiezieländerung und einer Palliativversorgung vor. Für Menschen mit einer invasiven Beatmung ist bei Vorhandensein erfahrener Palliativstrukturen einfacher möglich, die bestehende Beatmungstherapie zu beenden, auf den Einsatz von Beatmungsgeräten zu verzichten und eine Abschirmung mit Palliativmedikamenten vornehmen zu lassen.
Bereits das Wissen um die vorhandenen Strukturen und Erfahrungen zur Beendigung von Beatmungstherapie (falls eine Weiterführung der Behandlung nicht mehr gewünscht oder sinnvoll ist) kann die Entscheidungsfindung zugunsten einer Beatmungstherapie beeinflussen.
Noch größere Unterschiede in der Häufigkeit der invasiven Beatmung bestehen in anderen Ländern. In der Schweiz und in Österreich wird eine invasive Beatmung nur im Ausnahmefall realisiert. Die Kostenübernahme einer invasiven Beatmung ist nicht Bestandteil der Krankenversicherung in den jeweiligen Ländern. Auch in Großbritannien besteht die Möglichkeit einer invasiven Beatmung nur im seltenen Ausnahmefall. Das gilt auch für Polen und die osteuropäischen Länder. Über die Praxis der Tracheotomie in Russland, China und anderen asiatischen Ländern liegen nur eingeschränkte Informationen vor.
Allein über Japan ist eine sehr hohe Häufigkeit der invasiven Beatmung bekannt, die ein Bestandteil der Regelversorgung darstellt. Bis zu 80 % aller Patienten erhalten dort eine invasive Beatmung. Allerdings ist in Japan eine Beendigung von Beatmungstherapie aufgrund des dortigen medizin-ethischen Wertegefüges nicht möglich. Die Entscheidung für eine invasive Beatmungstherapie wird häufig getroffen und ist nach Beginn der Beatmung nicht umkehrbar.
Eine mit Deutschland vergleichbare Häufigkeit der Beatmung wird in Frankreich, Italien und den USA realisiert. Insgesamt liegen, trotz der medizinischen und sozialen Relevanz der Thematik, wenige Ländervergleiche vor. Bei dieser Thematik besteht ein hoher Forschungs- und Aufklärungsbedarf.
