Wann ist mit einer wirksamen ALS-Therapie oder sogar Heilung zu rechnen?
Bei der Entwicklung neuer Medikamente sind zwei grundsätzliche Strategien zu unterscheiden.
Eine erste Strategie zielt darauf ab, Medikamente gegen bekannte Ursachenfaktoren der ALS zu entwickeln. Bisher wurden Mutationen in verschiedenen Genen für die Verursachung von ALS ausgemacht. Bei etwa 20 % aller Menschen mit ALS ist von genetischen Veränderungen auszugehen, die eine ALS verursachen oder zumindest das Risiko für die Entstehung einer ALS erhöhen.
Die häufigsten Mutationen, die eine ALS verursachen können, befinden sich im SOD1-Gen oder im C9orf72-Gen. Das erste genetische Medikament gegen Mutationen im SOD1-Gen (Tofersen) wurde im Jahr 2024 in Deutschland zugelassen. Mit Tofersen kann eine Verlangsamung der ALS erreicht werden.
Die Mutationen im SOD1-Gen wurden bereits 1993 entdeckt. Es sollten mehr als 25 Jahre der Forschungsaktivität notwendig werden, um aus der Erkenntnis der SOD1-Mutationen ein pharmazeutisches Produkt zur Gentherapie zu entwickeln.
Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass die Entwicklung weiterer Medikamente (gegen FUS- und C9orf72-Mutationen) schneller gelingen wird. Wissenschaftliche Lerneffekte, die bei der SOD1-Gentherapie entstanden sind, lassen sich auf die Entwicklung der FUS- und C9orf72-Gentherapie übertragen und damit den notwendigen Entwicklungszyklus abkürzen.
Insgesamt ist davon auszugehen, dass die genetische Therapie zunächst eine geringe Patientenzahl erreicht. Sie ist auf diejenigen ALS-Patienten begrenzt, die Mutationen in ALS-assoziierten Genen aufweisen.
Eine zweite Strategie der Medikamentenentwicklung zielt nicht auf die eigentliche Ursache, sondern auf den fortlaufenden Krankheitsprozess. In dieser Strategie soll der Schädigungsprozess motorischer Nervenzellen abgeschwächt oder die Auswirkungen des Nervenzelluntergangs an der Muskulatur reduziert werden.
In dieser Strategie werden Medikamente entwickelt, die auf eine Beeinflussung von Immun- und Stoffwechselprozessen und die Aktivierung der Muskelfunktion abzielen. Bei dieser Strategie ist eine geringere Wirksamkeit (im Vergleich zur Gentherapie von ursächlichen Mutationen) zu erwarten. Allerdings ist diese Therapiestrategie nicht nur für ausgewählte Patienten mit spezifischen Mutationen geeignet, sondern für eine breitere Patientengruppe.
Medikamente zur Verlangsamung des Krankheitsprozesses befinden sich bereits in klinischen Studien. In einem Zeithorizont von wenigen Jahren ist die Zulassung dieser Medikamente zu erwarten.
Bestimmte Formen der Gentherapie, in der mutierte Gene vollständig ersetzt werden (»Gentransfer«) oder genetische Mutationen innerhalb des Zellkerns korrigiert werden (»DNA-Editing«) tragen das grundsätzliche Potenzial einer hochwirksamen Therapie. Eine zeitliche Abschätzung ist auch für diese fortgeschrittenen Gentechnologien noch nicht möglich.
Noch längerfristiger ist auch eine vollständige Aufklärung der ALS und eine Heilung der Erkrankung denkbar und anzunehmen.
