Zum Hauptinhalt springen
< Alles Kategorien
Drucken

Kann Physiotherapie bei der ALS schädlich sein?

Grundsätzlich ist die Physiotherapie bei der ALS von großer Bedeutung, um bestehende motorische Funktionen zu stärken, Symptome zu lindern sowie Mobilität und Teilhabe zu bewahren.

Trotz dieser positiven Zielstellung kann eine Physiotherapie mit »Nebenwirkungen« verbunden sein. Insbesondere bei Patienten mit einer überwiegenden Schädigung des zweiten motorischen Neurons (Muskelschwund und Lähmung) kann eine vorbestehende Muskelschwäche unmittelbar nach der Physiotherapie noch verstärkt sein. Dies äußert sich in einer Abgeschlagenheit und Erschöpfung nach den therapeutischen Anwendungen. Weiterhin kann ein Muskelschmerz (Myalgie, »Muskelkater«) auftreten.

Beide Nachwirkungen der Physiotherapie (Erschöpfung und Myalgie) sind ein Hinweis für eine physiotherapeutische Überforderung, die durch Anpassung von Intensität, Dauer und Häufigkeit der therapeutischen Anwendungen korrigiert werden kann. Eine zwischenzeitliche Erschöpfung und gelegentliche Muskelschmerzen sind unproblematisch und Ausdruck eines »Trainingseffektes«. Die dauerhafte Erschöpfung und kontinuierliche Schmerzhaftigkeit sind als problematische Nebenwirkung zu betrachten und in Abstimmung mit dem Arzt, Therapeuten und Patienten durch Anpassung des therapeutischen Belastungsniveaus abzuwenden.

Aufgrund der Unterschiedlichkeit der ALS-Verläufe (verschiedene Progressionsraten und variable Kombination von Schädigung des ersten und zweiten motorischen Neurons) ist die Durchführung von klinischen Studien zur Physiotherapie sehr komplex. Daher ist nur eine sehr geringe Zahl an medizinischen Studien zur ALS-Physiotherapie durchgeführt worden. Aufgrund der fehlenden Studienlage sind bisher keine exakten Belastungsgrenzen definiert worden.

In einer Orientierung, die auf Erfahrungswissen beruht, sollte bei einer Physiotherapie bis zu 80 % des individuellen Leistungsumfangs abgerufen werden. Viele Menschen haben eine Kenntnis ihres eigenen Körpers und innerer Orientierung, wann eine Grenze der maximalen Leistungsfähigkeit (100 % der möglichen Leistung) vorliegt und können ebenfalls die submaximale Leistung (»gefühlte« 80 % der individuellen Leistungsfähigkeit) abschätzen.

Die potenziellen »Nebenwirkungen« beziehen sich auf eine Überlastung der Muskulatur und betreffen nicht das Nervensystem. Auch im Fall von Erschöpfung oder Muskelschmerzen nach einer Physiotherapie kommt es nicht zu einer weiteren Schädigung von Motoneuronen. Daher ist ein schädigender Einfluss von Physiotherapie – auch bei einer körperlichen Belastung – auszuschließen.

In der Versorgungsrealität ist eine Überlastung durch Physiotherapie die Ausnahme: Es überwiegt die Situation, dass Physiotherapie mit zu geringer Häufigkeit und Dauer angewendet wird. Häufige Ursachen für die physiotherapeutische Unterversorgung ist die eingeschränkte zeitliche Verfügbarkeit von Physiotherapeuten, die Erfahrungen in der Behandlung von neurologischen Patienten aufweisen.

Eine weitere Limitation kann im Verordnungsverhalten von Ärzten liegen, die eine unberechtigte Sorge vor einer Überlastungssituation durch Physiotherapie haben und eine unzureichende Anzahl und Dauer von Physiotherapieanwendungen verordnen. Zur Überwindung beider Probleme ist ein gesellschaftlicher Wandel notwendig, der in der Ausbildung zusätzlicher Therapeuten und einer besseren Finanzierung der Physiotherapie sowie in einer weiteren Qualifikation von Fachärzten zum Thema der spezialisierten Hilfs- und Heilmittelversorgung einschließlich Physiotherapie erreicht werden kann.

Schlagwörter:
Wird geladen...
Wird geladen...
Wird geladen...
Wird geladen...
Wird geladen...

Contact Us

Haben Sie nicht gefunden, wonach Sie gesucht haben?

Unser Support-Team ist hier, um zu helfen. Kontaktieren Sie uns, und wir melden uns so schnell wie möglich.